Schulkonferenz-Bericht: Was gehen mich Atomwaffen heute noch an?

„Was gehen mich Atomwaffen heute noch an?“: Nuklearwaffen gelten als Reliquie aus der Zeit des Kalten Krieges und sind aus der öffentlichen Debatte weitgehend verschwunden. Warum es wichtig ist, 25 Jahre nach Ende des Kalten Krieges noch über diese Massenvernichtungswaffen zu informieren, diskutierten Schüler*innen mit Expert*innen auf unserer Schulkonferenz am 22. Dezember in der Wiener Zentrale des Österreichischen Roten Kreuzes (ÖRK).

Kerschbaum22. Dezember 2015: Knapp hundert Schüler*innen finden sich in der Zentrale des Österreichischen Roten Kreuzes (ÖRK) in Wien ein. Der Generalsekretär des ÖRK, Dr. Werner Kerschbaum, begrüßt die Teilnehmer*innen: „Die heutige Jugendkonferenz gehört meiner Ansicht nach zu den wichtigsten Veranstaltungen, die in unserem Haus in den letzten Jahren stattgefunden haben.“

Sadako Sasaki (AP/ Sasaki family/ National Park Service)

AP/Sasaki family/National Park Service

Das Geräusch einer Explosion hallt im Saal wider: August 1945, Hiroshima und Nagasaki – zum ersten und bis heute einzigen Mal werden Nuklearwaffen im Krieg eingesetzt. Die Schüler*innen werden mit der Geschichte von Sadako Sasaki vertraut gemacht, eines jungen japanischen Mädchens, das an den Folgen der Strahlungen in Nagasaki mit nur 11 Jahren stirbt. In Erinnerung an Sadako und die unzähligen Opfer werden bis heute Origami-Kraniche gefaltet, die zum Symbol für die Forderung nach einer nuklearwaffenfreien Welt geworden sind.

Ihr Schicksal, geteilt von hunderttausend anderen Menschen, besiegelt das von Nuklearwaffen verursachte Leid noch lange nicht. Denn 1945 beginnt das Nuklearzeitalter erst. Knapp über 2000 Nuklearwaffen werden über die Jahre hinweg an verschiedenen Orten für Testzwecke gezündet, mit folgenschweren Konsequenzen für Mensch und Umwelt, wie Dr. Klaus Renoldner (IPPNW) und Prof. Helmuth Böck (Technische Universität Wien) erklären: Wie funktionieren Atomwaffen überhaupt und was richten sie an? Und was bringen Jodpillen im Ernstfall eingentlich? – Die Experten standen den Teilnehmer*innen Rede und Antwort.

Böck Renoldner

Das Wettrüsten, das sich die USA und die Sowjetunion im Namen der gefährlichen Illusion der Abschreckung geliefert haben, hat die Menschheit einige Male an den Rand eines Atomkrieges gebracht. „It was MAD – mutually assured destruction, die komplette gegenseitige Vernichtung“, erinnert der Völkerrechtsexperte Dr. Bernhard Schneider vom ÖRK an den Höhepunkt des Kalten Krieges. „Das Bewusstsein für Nuklearwaffen hat sich geändert, aber das Risiko, das diese Waffen darstellen, ist immer noch gleich groß“.

schneiderUnvereinbar mit den Grundprinzipien des humanitären Völkerrechts – der Menschlichkeit, der Verhältnismäßigkeit, der Vermeidung von unnötigem Leid – setzt eine Reihe von Staaten trotzdem auch heute noch auf Nuklearwaffen. Jedoch nicht nur jene, die welche besitzen, sondern auch jene Staaten, die unter dem sogenannten nuklearen Schutzschirm der USA stehen. Warum? „Die zwei Gründe, warum Atomwaffen noch nicht abgeschafft wurden, sind Angst und Status. Weitere sind mir auch nach vier Stunden Zugfahrt nicht eingefallen“, erklärt Markus Reiterer, Generalsekretär der Alpenkonvention.

Es gibt aber auch Staaten, die versuchen etwas dagegen zu tun: Als Mitbegründer und Motor der sogenannten „humanitären Initiative“ gilt Österreich als Vorreiter im Engagement für ein Verbot von Nuklearwaffen. Eine Reihe von Staaten unterstützt diese Initiative, mit der versucht wird, Nuklearwaffen im Lichte ihrer unakzeptablen humanitären Folgen zu betrachten und dadurch zu einer Stigmatisierung dieser Waffen zu gelangen. Denn Nuklearwaffen sind heute noch die einzigen Massenvernichtungswaffen die noch nicht mit einer völkerrechtlichen Norm stigmatisiert und verboten worden sind. In einer Podiumsdiskussion konnten die Teilnehmer*innen aus erster Hand erfahren, was sich großteils abseits von öffentlichem und Medieninteresse hinter den Kulissen abspielt.

Podium

Von li. nach re.: Nadja Schmidt, Markus Reiterer, Fabio Polly, Petra Bayr, Alexander Kmentt

Botschafter Alexander Kmentt, der während der Konferenz mit der silbernen Ehrenmedaille des ÖRK ausgezeichnet wurde, berichtete von aktuellen Entwicklungen in der internationalen Diplomatie: „Innerhalb eines Jahres ist die humanitäre Initiative von 16 auf über 120 Staaten angewachsen.“ Die Staaten der humanitären Initiative stellen die menschliche Sicherheit in den Vordergrund, und verweisen auf die Verpflichtung aller Staaten, sich für eine nuklearwaffenfreie Welt einzusetzen.

Abgeordnete Petra Bayr erklärte, wie weltweit vernetzte Parlamentarier*innen diese Arbeit unterstützen: „Der Hauptnachteil für Atomwaffenbesitzerstaaten ist, das Atomwaffen ungeheure Ressourcen binden“. Weltweit werden Staatsbudgets von Parlamenten abgesegnet, und Parlamente wiederum repräsentieren das Volk – die Parlamentarier*innen dieser Welt haben deswegen auch einen Schlüssel für eine nuklearwaffenfreie Welt in ihren Händen.

„Hier kommt die Zivilgesellschaft ins Spiel“, Nadja Schmidt erzählte, wie es mithilfe zivilgesellschaftlicher Organisationen bereits gelang, Streumunition und Landminen international vertraglich zu ächten und zu verbieten. Jetzt sei es an der Zeit, auch für die letzte noch nicht verbotene Massenvernichtungswaffe einen Verbotsvertrag zu erwirken.

 

publikum1„Aber was bringt ein Verbotsvertrag, wenn die Nuklearwaffenstaaten diesen nicht unterstützen?“, heißt es aus dem Publikum. Journalist Fabio Polly bringt die humanitäre Initiative auf den Punkt: „das ist der große Klub der Kleinen, der einen großen Druck auf die Großen ausübt“ – das Engagement von jeder und jedem Einzelnen ist daher gefragt!

Dies konnten die Schüler*innen im anschließenden Simulationsspiel selbst ausprobieren: Als „Nuklearwaffenstaaten“ schmiedeten sie Pläne, um ihre Arsenale rechtfertigen zu können; als „Champion“-Staaten entwarfen sie mit Unterstützung der Gruppen „Zivilgesellschaft“ und „Kommunikation“ Strategien, um die unentschlossenen Staaten von einem Verbotsvertrag zu überzeugen.

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Durch den Tag begleiteten uns außerdem die Teams der Jugendpresse Österreich und von CafeBabelHSC Media hat hier für uns einen kleinen Film zusammengestellt:

Bericht: Philine Scherer-Dressler

Hier ein paar Twitter-Eindrücke von unserer Konferenz:

Für weitere Fotos von unserer Schulkonferenz haben wir hier welche online gestellt:

Und abschließend noch ein paar Links zu weiteren Berichten über die Schulkonferenz:

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